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Bisher haben 2362 Bürger bei der Aktion mitgemacht

„Über Tierhaltung wird in den Medien entschieden“

Das dlz agrarmagazin sprach mit Prof. Dr. Achim Spiller, Leiter des Lehrstuhls Marketing für Lebensmittel und Agrarprodukte der Uni Göttingen. Er befasst sich unter anderem mit der Akzeptanz moderner Landwirtschaft und ihrem Image in der Bevölkerung.

Stallbauvorhaben ziehen sich immer mehr in die Länge, weil Bürger dagegen auf die Straße gehen. Nehmen Vorbehalte generell zu?
Prof. Spiller: Es stimmt: Die gesellschaftliche Meinung zur Tierhaltung ist heute kritischer. Wir wissen jedoch aus Studien, dass bei Stallbauvorhaben in erster Linie Veränderungen in der Dorfstruktur Proteste auslösen. Auch auf dem Land wird die Landwirtschaft zur Minderheit. Menschen, die aus der Stadt zuziehen, suchen die ländliche Ruhe, sind aber nicht bereit, traditionelle Nebenwirkungen der Landwirtschaft wie zum Beispiel Gerüche in Kauf zu nehmen. Sie halten Landwirtschaft zwar für wichtig, aber bitte „nicht vor meiner Haustür“. Daher wird zum Teil auch gegen Bio-Ställe protestiert. Diese Haltung gewinnt an Bedeutung, weil die wirtschaftliche Relevanz der Landwirtschaft nicht mehr erkennbar ist. Dies gilt außerhalb der Kernregionen der Tierproduktion noch deutlicher als in den Veredelungszentren.

Wo liegen die Ursachen?
Prof. Spiller: Die Bevölkerung ist immer weiter von der Landwirtschaft entfernt, ihr Wissen darüber geht verloren. So vermuten zum Beispiel in einer unserer Befragungen 82 Prozent der Kinder in Berlin, dass Schweine Gras fressen. Tierhaltung spielt sich heute oft in geschlossenen Räumen ab. Daraus entsteht viel Unsicherheit. Fragt man Verbraucher, wo für sie „Massentierhaltung“ beginnt, denken sie an 400 Mastplätze. Neue Schweineställe in Nordwest- und Ostdeutschland werden heute aber kaum noch unter 2.000 Plätzen gebaut. Hinzu kommt, dass der Eigenwert der Tiere sowie ihre Fähigkeit Gefühle zu empfinden und zu leiden, immer deutlicher erkannt werden. Daneben gewinnen in einer Wohlstandsgesellschaft mit wenigen Kindern Tiere an Bedeutung und die Haustierperspektive wird auf die Landwirtschaft übertragen. Das ist nicht aufzuhalten, gerade in den meinungsprägenden Gesellschaftsteilen.

Welchen Einfluss haben Gruppen, die kompromisslos auf Tierprodukte verzichten und das auch von anderen fordern?
Prof. Spiller: Militante Vegetarier haben ein großes Forum im Internet, spielen für die breite Bevölkerung aber eine geringe Rolle. Vegetarismus ist zwar nach wie vor nicht mehrheitsfähig, aber es ist heute nicht mehr verpönt, auf Fleisch zu verzichten. Im Gegenteil, Vegetarismus steht für einen nachhaltigen Lebensstil. Bei jungen Schauspielerinnen, den Idolen der Kids, gilt es geradezu als sexy. Das wirkt in der Gesellschaft ebenso wie das verbreitete Gefühl, dass heute eine industrialisierte, tierfeindliche Produktion vorherrscht. Dazu ein Zitat aus einer aktuellen Ausgabe der größten deutschen Frauenzeitschrift BRIGITTE: „Noch einmal schreiben, dass wir bei BRIGITTE gegen Massentierhaltung sind, dafür, weniger Fleisch zu essen, und wenn, dann bio? Ist das nicht selbstverständlich?“ Da 70 Prozent der Lebensmittel von Frauen gekauft werden, hat die gesamte Fleischwirtschaft vom Landwirt bis zum Handel ein Problem, wenn die Standardproduktion von einer der einflussreichsten deutschen Frauenzeitschriften derart bewertet wird.

Wie die Brandstiftung in Sprötze zeigt, finden auch illegale Aktionen Sympathisanten. Besteht die Gefahr einer Radikalisierung unter dem Deckmantel des Tierschutzes?
Prof. Spiller: Sympathiebekundungen zu dem Vorfall verzerren das Bild. Unserer Einschätzung nach lehnt der weit überwiegende Teil der Tierschützer kriminelle Aktionen ab. Aus Sicht der Fleischwirtschaft ist es gerade in der jetzigen Phase wichtig zu unterscheiden, mit wem man zusammenarbeiten kann und mit wem nicht. Es gibt große Tierschutzverbände, mit denen man sich an einen Tisch setzen sollte. So hat der Deutsche Tierschutzbund rund 800.000 Mitglieder mit moderaten Positionen, oder kurz gesagt: viele Verbraucher, die einfach Tiere lieben. Dann gibt es Organisationen wie Greenpeace oder PETA, die aggressiver vorgehen. Deren Instrument sind Medienkampagnen, um öffentliche Aufmerksamkeit zu gewinnen. Zwischen solchen Organisationen und der Wirtschaft wird mit „harten Bandagen“ um die öffentliche Meinung gerungen. Aber auch da muss man noch unterscheiden. Laufen mit Greenpeace neben der öffentlichen Auseinandersetzung auch fachliche Lösungsgespräche im Hintergrund, ist mit PETA ein Kompromiss kaum zu finden, da sie landwirtschaftliche Tierhaltung grundsätzlich ablehnt. Schließlich gibt es am Rande der „Tierschutzszene“ kleine militante Gruppen. Ob die zunehmen, kann nur der Verfassungsschutz beurteilen.

Wie kann man einer Radikalisierung vorbeugen?
Prof. Spiller: So bedrohlich und empörend einzelne kriminelle Aktionen auch sind, entscheidend für Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie ist das öffentliche Meinungsklima. Aus einer eigenen großen Verbraucherstudie wissen wir, dass Akzeptanz nicht über Wissen, sondern über Vertrauen gewonnen wird. Es gilt, langfristig Glaubwürdigkeit und in der Folge Vertrauen aufzubauen. Grundprinzipien einer Vertrauenskommunikation sind erstens Aufrichtigkeit – offene Diskussion auch über die Schwächen der modernen Tierhaltung, zweitens Personalisierung – das bedeutet, auch öffentlich in vollem Umfang für seine Tierhaltung oder Schlachtung einzutreten, drittens Transparenz – zum Beispiel haben holländische Kälbermäster von „Peter‘s Farm“ im Stall eine Webcam und viertens Dialog mit den Medien und interessierten Verbänden. Die Wirtschaft muss aktiv für ihre Daseinsberechtigung kämpfen. Die gesellschaftliche Akzeptanz der Tierhaltung ist nicht mehr selbstverständlich. Über sie wird in den Medien entschieden.

Drastische Medienbilder vorgeblicher Verstöße gegen den Tierschutz bleiben in den Köpfen hängen. Beeinflusst das auch das Kaufverhalten?
Prof. Spiller: Bilder beeinflussen das Kaufverhalten der Verbraucher langfristig. Wie bei den vielen tatsächlichen oder vermeintlichen Skandalen, sind die kurzfristigen Effekte auf das Kaufverhalten gering und normalisieren sich schnell wieder. Das heißt aber nicht, dass sich keine dauerhaften Folgen ergeben: Für Deutschland belegt die Marktforschung, dass in den letzten Jahren erstmals die besser gebildeten und einkommensstarken Verbrauchergruppen weniger Fleisch essen als die unteren sozialen Schichten. Dies zeigt eine gesellschaftliche Trendumkehr, denn die Konsumtrends werden von den jungen, gut gebildeten Zielgruppen gesetzt.

Was muss die Branche tun?
Prof. Spiller: Wer den gesellschaftlichen Dialog in den Medien und Internetforen nicht eingeht, hat schon verloren. Zugegeben, eine Kommunikation vieler Themen der Fleischwirtschaft ist schwierig, aber dennoch: Viel zu lange hat die gesamte deutsche Fleischkette geschwiegen. Landwirte und Wissenschaftler wissen zum Beispiel, dass das Tierwohl nichts mit der Betriebsgröße zu tun hat – das wird aber nicht vermittelt. Resultat ist das heute dominierende Schlagwort Massentierhaltung, die für den Verbraucher – wie bereits erwähnt – bei 400 Mastplätzen beginnt.     ds